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Blog von Ewald Dietrich, Unirechenzentrum Heidelberg, zu Personal- und Organisationsentwicklung

Systemaufstellungen: ‘repräsentierende Wahrnehmung’ verifiziert

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Seit einiger Zeit fasst die Methode [der Systemaufstellungen] mit ihrem auffallend günstigen Zeit/Nutzen-Verhältnis auch in Unternehmen Fuß. In den meisten Fällen genügt eine Aufstellung (0,5-2 Std.), um die wesentliche Dynamik mit einer guten Lösung sichtbar zu machen.

Nun stellen sich bei kritischer Durchsicht vor allem zwei Fragen: 1. Wenn eine x-beliebige Person als Stellvertreter auf einen Konstellationsplatz gestellt wird, ist dann nicht auch ihr Empfinden und Handeln genauso x-beliebig, und würden sich andere Personen nicht eben auch anders äußern? 2. Woher soll man wissen, dass das Geschehen in der Aufstellung irgend etwas mit dem realen Geschehen im realen Unternehmen zu tun hat? (Seite 148)

Das erste Basisphänomen (oben 1. Frage) in Systemaufstellungen konnte in einem großangelegten Forschungsprojekt mit über 250 Probanden und etwa 4000 Einzelversuchen empirisch verifiziert werden. Anders als in den Humanwissenschaften üblich, kamen die wichtigsten Versuchsergebnisse nicht durch Interpretation eines wissenschaftlichen Beobachters zustande, sondern durch Messungen und einfache Statistiken, wie man sie beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften verwendet. Mit diesen Versuchen konnte mit hoher Signifikanz bestätigt werden, dass die sogenannte ‘repräsentierende Wahrnehmung’, also die Äußerungen beliebiger Personen an einzelnen Positionen in einer Aufstellungskonstellation, nicht von diesen Personen abhängen, sondern von der Position in der räumlichen Konstellation.

Das Setting: In diesem Forschungsprojekt wurde immer dieselbe Konstellation mit Figuren exakt nachgestellt. Sodann führte man die Testpersonen einzeln im Austausch mit den Figuren von einem Platz zum anderen und dokumentierte ihre subjektiven Äußerungen. Mit … unterschiedlichen Veruchssettings konnte man die Ergebnisse wechselseitig überprüfen. Zwei davon lieferten über Multiple-Choice-Verfahren reine Zahlenwerte, so dass ohne hermeneutische Interpretationen, also gewissermaßen unabhängig von der Versuchsleitung einfache Statistiken entstanden (also nur die Häufigkeit der von den Probanden gewählten Optionen). (Seite 149f)

Ergebnisse …: “Beide Versuchstypen wurden dem Chiquadrat-Test unterworfen und zeigen Signifikanz in einem Ausmaß, wie sie in der Psychologie oder Soziologie ungewöhnlich ist (…) die ‘Irrtumswahrscheinlichkeit’ liegt im vorliegenden Fall unter 0,1%” (VS [Peter Schlötter, Vertraute Sprache und ihre Entdeckung. Systemaufstellungen sind kein Zufallsprodukt - der empirische Nachweis, Carl-Auer-Verlag 2005]-S. 175). (Der Chiquadrat-Test ist ein statistischer Standard-Test). (Seite 150)

Resümee: Mit Systemaufstellungen wird kein ‘Kaffeesatzlesen’ betrieben, sondern von Menschen erzeugte Zeichen im Raum werden von anderen Menschen wie eine Zeichensprache gelesen, gedeutet und weiterbearbeitet.

Nun zu der zweiten Frage, ob und wie eine Systemaufstellung mit realem Geschehen zusammenhängt, oder anders formuliert - Wie wahr sind Systemaufstellungen? (Seite 150)

Bei dieser Frage versagt die Wissenschaft prinzipiell, zumindest wenn man eine naturwissenschaftlich geprägte Objektivität fordert. (Seite 151)

Wir müssen hier einfach zugestehen, dass subjektive berichte über über komplexe Beziehungszusammenhänge in Unternehmen nie ‘objektiv’ als richtig oder falsch bewertet werden können, ganz gleich in welcher Sprache sie vorgetragen werden. (Seite 151)

Man (kann) eine sehr hohe Erfahrungsvalidität beobachten: Klienten berichten in einem auffallenden Umfang davon, dass das Geschehen in ‘ihren’ Aufstellungen ihre Situation zutreffend wiedergibt. (Seite 152)

Wenn nun eine Person ihr System aufstellt und die Äußerungen der Stellvertreter an den einzelnen Positionen als zutreffend und hilfreich bewertet, dann kann mit ihr zusammen auf den Ergebnissen der Systemaufstellung aufbauend ein konkretes Vorgehen im Unternehmen entwickelt und begleitet werden - die Systemaufstellung hat sich offensichtlich als ‘wahr’ erwiesen, zumal wenn sich die gefundene Lösung in der Folgezeit bewährt. Jedenfalls geht bes nicht ‘wahrer’, mit keiner Beratungsmethode. (Seite 152)

Wie wirkt eine Systemaufstellung? Wie schmeckt eine Erdbeere? In beiden Fällen können Worte allein die eigene Erfahrung nicht erübrigen. (Seite 153)

Quelle: Peter Schlötter, Das Spiel ohne Ball im Unternehmen. Kommunikation sichtbar machen und verbessern

5 Comments

  1. Comment by Christiane Grabow on 06.11.2008 11:03

    Der vorherrschend kommunizierten Aussage, das Geschehen in systemischen Aufstellungen sei wissenschaftlich nicht erklärbar, widerspreche ich.

    Systemische Aufstellungen folgen im Wesentlichen den Gesetzmäßigkeiten der Systemtheorie. Weiterführende Erklärungsmodelle beschreiben Details.

    Die Systemtheorie erklärt ein Naturgesetz, nach dem Elemente, die aufeinander treffen, Beziehung untereinander eingehen. Diese Beziehungsgefüge sind, enger oder weiter gefasst, als System zu betrachten. Innerhalb dieser Systeme operiert jedes Element egoistisch und ohne Blick auf das Wohl des Ganzen. Das setzt eine systeminterne Dynamik in Gang, die erst zur Ruhe kommt, wenn jedes Element seinen bestmöglichen Platz gefunden hat.
    Diese Gesetzmäßigkeit umfasst alle Wissenschaften und gilt in technischen Abläufen ebenso wie in sozialen.

    In sofern ist eine systemische Aufstellung die Simulation einer systeminternen Dynamik.

    Sprechen lebende Stellvertreter für einzelne Elemente, so melden sie zwar die für diese Position “richtige” Aussage, formulieren diese jedoch individuell.
    Bei leblosen Platzhaltern oder Figuren besetzt der Themengeber normalerwiese jede Position selbst und schlüpft somit in die Schuhe eines jeden Stellvertreters. In diesem Fall fühlt und erlebt er selbst und formuliert in seiner ihm eigenen Sprache und Temperament.

    Systemische Aufstellungen funktionieren nach oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten immer. Bei respektvollem Umgang mit dem Klienten liefern sie an Erkenntnissen aber nur so viel, wie der Klient zulassen mag. Aber da sind wir beim Thema Ethik.

    Einen Überblick über die gängigen Erklärungsmodelle zu systemischen Aufstellungen finden Interessierte in dem Buch: Wissenschaft oder Hexerei - Warum systemische Aufstellungen funktionieren müssen.

  2. Comment by Ewald Dietrich on 06.11.2008 14:15

    Hallo Christiane,

    es freut mich, dass du so optimistisch bist und “erfrischend respektlos … wissenschaftliche Thesen auf verständliche Kernaussagen (verkürzt)”. Das Zitat ist aus der Vorstellung deines Buches. Allerdings möchte ich dir in mindestens einem Punkt widersprechen: Warum operiert jedes Systemelement egoistisch? Ist es nicht naheliegender, das Eingehen von Beziehungen als Kooperation zu betrachten? Oder zumindest AUCH Kooperation als MÖGLICHKEIT offen zu lassen?

    Interessant finde ich den Berater-Pool von Online-Aufstellern, den du aufbauen willst.

    Viele Grüße, Ewald

  3. Comment by Andreas Reisenbauer on 16.03.2009 18:50

    Danke für die tolle Zusammenfassung und das Publizeren der Kernzitate. Hier auch noch ein Link zu einem Video, dass die Arbeit von Peter Schlötter dokumentiert:
    http://systeme-stellen.info/blog/wirksamkeit-von-systemaufstellungen

  4. Comment by Christiane Grabow on 30.05.2009 23:52

    Hallo Ewald,

    danke für deinen Kommentar.
    Zu deinem Widerspruch: den Egoismus von Systemelementen habe nicht ich erfunden - er ist Teil des Naturgesetzes, wenn ich die Systemtheorie richtig verstanden habe. In biochemischen Prozessen gibt es ja auch keine Demokratie. In sozialen Prozessen ist natürlich immer auch so etwas wie “gute Erziehung” im Spiel. Aber je weniger dieser “faulen Kompromisse” in einer Aufstellung wirken, desto höher der Grad der Erkenntnis und desto befreiender die Lösung. In einer Aufstellung kann diesem Egoismus ganz ungefährlich freier Lauf gelassen werden. Das ist es ja gerade, was so schnell Klarheit bringt. So zumindest erlebe ich es.

  5. Comment by Ewald Dietrich on 01.06.2009 18:17

    Hallo Christiane,

    innnerhalb der Systemtheorie kannte ich “Egoismus von Systemelementen” als “Teil des Naturgesetzes” bisher nicht. Ich bin irritiert und gleichzeitig neugierig, weil ich den Luhmannschen Zweig der Systemtheorie verstehen möchte. Hast du einen Literaturhinweis bei Luhmann oder Parsons für mich?

    Viele Grüße, Ewald

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